Im aktuellen Arzneiverordnungs-Report 2011 ist der Anteil der
Arzneimittel an den Leistungsausgaben der GKV (2011: 17,7%, 2010:
19,0%) erstmals wieder rückläufig. Doch das ist kein Grund für die
Herausgeber Prof. em. Dr. med. Ulrich Schwabe und Dr. rer. soc. Dieter
Paffrath die Hände in den Schoß zu legen. Denn sie finden, dass gerade
bei den patentgeschützten Medikamenten noch einiges zu holen ist, da diese
ein stetig steigender Kostenblock sind. Dieses Jahr erfolgt der
Vergleich mit Großbritannien, wo Medikamente viel billiger sind als in
Deutschland - allerdings werden dort auch keine Mehrwertsteuer auf
Arzneimittel erhoben.
Im aktuellen Report haben sich die Arzneimittelausgaben ohne
Impfstoffkosten im Jahr 2010 erneut gesteigert: Von 330 Mio. Euro
(+1,0%) auf 32,03 Mrd. Euro. Dieser Anstieg fällt aber im Vergleich zum
Vorjahr (4,8%) deutlich geringer aus und liegt auch unter dem Anstieg
der Gesamtausgaben der GKV um 2,9% auf 180,74 Mrd. Euro, erklären die
Herausgeber. Dafür liegen alle anderen Kostenblöcke nach wie vor im
Aufwärtstrend: an erster Stelle kommen die Krankenhauskosten in Höhe
von 58,82 Mrd. Euro (+4,5%), gefolgt von Kosten für ärztliche
Behandlung 33,04 Mrd. Euro einschließlich Praxisgebühr (+2,1%) und
schließlich die Ausgaben für zahnärztliche Behandlung 11,87 Mrd. Euro
(+2,2%). Damit hat sich der Anteil der Arzneimittel an den
Leistungsausgaben der GKV erstmals auf 17,7% (Vorjahr 19,0%)
vermindert.
Schwabe stellt die rhetorische Frage, ob das schon die ersten
Bremsspuren der letzten gesetzlichen Maßnahmen sind. Teils bejaht er
sie, da ein Teil durch das momentane Preismoratorium des
GKV-Änderungsgesetzes seit August 2009 herrührt. Paffrath hat da
genauere Zahlen parat: Von August 2010 bis Dezember 2013 gilt ein von
6% auf 16% erhöhter Herstellerabschlag für Arzneimittel ohne
Festbetrag. Dies führte zu einem Ausgabenrückgang im ersten Halbjahr
2011 von 4,3%.
Auch sieht er die Rabattverträge mit Wohlwollen, durch die die
Krankenkassen in 2010 Gesamteinnahmen von 1,3 Mrd. Euro (2009: 846 Mio.
Euro) verbuchen konnten. Er kritisiert allerdings, dass die
Rabattgewinne immer noch unter dem Einsparpotenzial von 1,6 Mrd. Euro
liegen - diese Summe errechnet sich dadurch, wenn immer das günstigste
Generikum abgegeben würde.
Sündenbock sind wie jedes Jahr auch dieses Mal die patentgeschützten
Präparate: Trotz rückläufiger Verordnungen (-2,8%) steigt der Umsatz
laut Report um knapp 1 Mrd. Euro auf insgesamt 14,2 Mrd. Euro in 2010 -
das entspricht fast die Hälfte des Gesamtumsatzes bei den
Fertigarzneimitteln. Paffrath sieht das mit Besorgnis: "... Davon
fallen rund 3,5 Mrd. Euro auf sogenannte Analogpräparate ohne
Zusatznutzen gegenüber bereits eingeführten Präparaten. Der
Verordnungsanteil aller patentgeschützten Arzneimittel am Gesamtmarkt
beträgt hingegen lediglich 11,5%."
Wurde letztes Jahr der Vergleich mit Schweden gezogen, muss dieses Jahr
Großbritannien herhalten. Laut Schwabe kostet das umsatzstärkste
Arzneimittel Humira (6 pen mit 40 mg, ausreichend für 12 Wochen,
Apothekenverkaufspreis 5.227,96 Euro) ohne Mehrwertsteuer 4.393,24 Euro
und ist fast doppelt so teuer wir in Großbritannien (2.408,02
umgerechnet in Euro). Dort werden allerdings keine Mehrwertsteuer auf
Medikamente erhoben. Für Humira könnte sich also in Deutschland ein
mehrwertsteuerfreies Einsparpotenzial von 187 Mio. Euro und für die
zehn führenden Patentarzneimittel von 977 Mio. ergeben.
Also wird eine Lanze für die Aufhebung von der Mehrwertsteuer in
Deutschland gebrochen? Mitnichten - die Herausgeber und vor allem der
Mitredner Jürgen Graalmann, stellv. Vorsitzender des Geschäftsführenden
Vorstandes des AOK-Bundesverbandes, sprechen sich klar für die frühe
Nutzenbewertung aus. So betont Graalmann: "Der Blick in den
Arzneiverordnungs-Report 2011 zeigt uns auch, wo die Ausgaben seit
Jahren besonders stark steigen: Bei den patentgeschützten
Arzneimitteln... Der Grund steigender Gesamtausgaben sind vielmehr
immer höhere Preise - insbesondere bei den neu eingeführten
Arzneimitteln. Gleichzeitig wissen wir häufig nicht, ob diese neuen,
teuren Arzneimittel für die Patienten überhaupt einen Zusatznutzen
haben. Mit dem AMNOG ist die Bundesregierung einen mutigen Schritt
gegangen, um hier anzusetzen..."
Angesprochen werden auch die neuesten "Vorfälle" mit der frühen
Nutzenbewertung. Zur Erinnerung: Novartis hat den Blutdrucksenker
Rasilamlo® vom Markt genommen, da eine frühzeitige Abstimmung mit dem
GBA nicht möglich gewesen sei und weil man derzeit auch keine über die
Zulassungsstudien hinausgehenden Daten vorlegen und es bis dahin Jahre
dauern könne. Merckle Recordati hat den Cholesterinsenker Livazo®
gleich in das Festbetragssystem aufnehmen lassen. Für Graalmann ein
Signal, dass das "AMNOG also präventiv wirkt und Spielraum für echte
Innovationen schafft." Und er findet, dass "die schnelle
Nutzenbewertung zusammen mit den Preisverhandlungen sinnvoll umgesetzt,
sind wir dem Ziel gute Medikamente zu fairen Preisen zu erhalten, ein
ganzes Stück näher gekommen."
Die Verbände reagieren da etwas kritischer. Dr. Norbert Gerbsch,
stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BPI, findet den Report
irreführend: "Der AVR will natürlich mit seiner Forderung die Preise
senken. Doch die Forderung macht erneut deutlich, dass er die
Systematik der Preisbildung in Deutschland und anderen europäischen
Ländern nicht verstanden hat oder stillschweigend ignoriert. Von einem
Arzneimittel, das in der Apotheke 11 Euro zu Lasten der GKV kostete,
erhält der Hersteller nur rund 35 Cent. Der Rest geht in die
Mehrwertsteuer und die Handelsstufen. Wer also die Hersteller angreift,
sollte auch mit den Finanzen argumentieren, die die Hersteller
erhalten. Alles andere ist Polemik und ramponiert einen
wissenschaftlichen Ruf. Und wer deutsche Preise mit denen im
Vereinigten Königreich vergleicht, sollte zudem auch an den Wechselkurs
denken! Am 14. Februar 2011 gab es für 100 Euro 118,98 Britische Pfund,
heute sind es 86,63 Pfund. Hat der AVR das bedacht?"
Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) widerspricht dem
Lob der Herausgeber für das AMNOG: "...Weitere Instrumente zur
Preisregulierung von Arzneimitteln – wie von den Autoren des Reportes
gefordert - bedarf es allerdings im überregulierten Markt nicht. Im
Gegenteil, Instrumente wie z. B. die Rabattverträge oder die
Importförderungsklausel müssen weg, denn das politische Credo der
Koalition lautete ursprünglich gerade in die andere Richtung – nämlich
zur Deregulation."
Der BAH erinnert die Herausgeber außerdem daran, dass eine adäquate
medizinische Versorgung mit Arzneimitteln nicht immer nur unter
Kostengesichtspunkten gesehen werden darf. So tragen Arzneimittel
beispielsweise zur Vermeidung von deutlich höheren therapeutischen
Folgekosten bei, betont der Verband.
vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer sieht eher Vorteile der
Analysen aus dem Report: "Alle Untersuchungen der jüngsten Zeit
zeigen, dass gegenwärtig bei den Ausgaben im Gesundheitssystem die Lage
entspannt ist: Die Krankenkassen verfügen über Milliardenüberschüsse.
Auch die Arzneimittelausgaben sind stabil. Das gibt allen Akteuren die
Chance, eine konstruktive Debatte darüber zu führen, wie Innovationen
und eine nachhaltige Finanzierung in Einklang zu bringen sind."
Zum Report:
Seit 1985 werden die Entwicklungen der vertragsärztlichen
Arzneiverordnungen im Arzneiverordnungs-Report (AVR) analysiert. Im
Jahre 2010 wurden 791 Millionen Verordnungen (davon 626 Mio.
Fertigarzneimittelverordnungen) von 140.303 Vertragsärzten ausgestellt.
Die Publikation beschreibt die Einführung neuer Arzneimittel, bewertet
den therapeutischen Nutzen, berechnet die Kosten und gibt Ärzten
konkrete Verordnungsempfehlungen. Die Verordnungstrends für 40
Indikationsgruppen werden in der Springer Publikation vorgestellt.
Erstmals werden auch Arzneimittel für seltene Krankheiten analysiert.
Die Datengrundlage für den AVR liefert das Wissenschaftliche Institut
der AOK (WIdO).
Ulrich Schwabe; Dieter Paffrath (Hrsg.)
Arzneiverordnungs-Report 2011
Aktuelle Daten, Kosten, Trends und Kommentare
2011. 1135 S. 81 Abb.,
ISBN: 978-3-642-21991-7
Broschiert. 49,95 EUR; 67,00 CHF
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14.09.11
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