Jedes Jahr stehen sich zwei Publikationen gegenüber: der
Arzneimittel-Atlas und der Arzneiverordnungs-Report (AVR). Den
Unterschied machten die Herausgeber des Reports, Prof. em. Dr. med.
Ulrich Schwabe und Dr. rer. soc. Dieter Paffrath, in ihrem Sinn klar:
Der Atlas werde im Auftrag vom vfa durch das IGES Institut erstellt.
Unausgesprochen blieb dabei, dass die Report-Herausgeber sich wohl
selber als neutral ansehen. Ob das so ist, das stellen zumindest die
Gegner des Reports in Frage. Denn die Datengrundlage für den AVR
liefert das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Und ob es
neutraler ist, dass sich Jürgen Graalmann, stellv. Vorsitzender des
geschäftsführenden Vorstandes des AOK-Bundesverbandes, bei der
Vorstellung des Reports vehement für die Rabattverträge aussprechen
durfte, darf man vielleicht auch mit einem Fragezeichen versehen.
Naturgemäß wird im AVR der hohe Arzneimittelverbrauch kritisiert. Der
Atlas geht dagegen eher auf den erzielten Überschuss (2,417 Mrd. Euro)
der Kassen im ersten Quartal 2011 ein. Dazu gebe es für das Jahr 2010
noch gut 1 Mrd. Euro mehr Rabatt als im Vorjahr – inklusive 660 Mio.
Euro durch den neu eingeführten Zwangsrabatt. Im Atlas stehen folgende
Rechenergebnisse: Der Anstieg der Arzneimittelausgaben der
Krankenkassen von 2008 zu 2009 betrug 5,7%. Der Zuwachs hat sich von
2009 zu 2010 abgeschwächt und liegt nur noch bei 1,6%. Die Ausgaben für
Fertigarzneimittel inklusive Impfstoffe erreichten 2009 in der GKV 28,0
Mrd. Euro, 2010 waren es 28,1 Mrd. Euro.
Im Report werden folgende Schlüsse gezogen: Der Anteil der Arzneimittel
an den Leistungsausgaben der GKV (2011: 17,7%, 2010: 19,0%) ist
erstmals wieder rückläufig. Die Arzneimittelausgaben ohne
Impfstoffkosten haben sich im Jahr 2010 erneut gesteigert: Um 330 Mio.
Euro (+1,0%) auf 32,03 Mrd. Euro. Dieser Anstieg fällt aber im
Vergleich zum Vorjahr (4,8%) deutlich geringer aus und liegt auch unter
dem Anstieg der Gesamtausgaben der GKV um 2,9% auf 180,74 Mrd. Euro.
Also eigentlich doch ein guter Impuls? Das sieht Paffrath nicht so.
Denn trotz rückläufiger Verordnungen (-2,8%) steigt der Umsatz in 2010
laut Report um knapp 1 Mrd. Euro auf insgesamt 14,2 Mrd. Euro – das
entspricht fast der Hälfte des Gesamtumsatzes bei den
Fertigarzneimitteln. „Davon fallen rund 3,5 Mrd. Euro auf sogenannte
Analogpräparate ohne Zusatznutzen gegenüber bereits eingeführten
Präparaten. Der Verordnungsanteil aller patentgeschützten Arzneimittel
am Gesamtmarkt beträgt hingegen lediglich 11,5%“, runzelt er die Stirn.
Für das Autorenteam des Atlas erklärt Prof. Bertram Häussler (IGES)
dagegen: „Wie in den Vorjahren war die Entwicklung der
Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen gekennzeichnet von
einem Ausgleich zwischen Einsparungen – insbesondere durch auslaufende
Patente – und Mehrausgaben für Innovationen. Dämpfend wirkten sich
außerdem der seit Jahren rückläufige Mehrverbrauch an Arzneimitteln aus
sowie die starken Einsparungen durch die seit August 2010 zusätzlich
erhobenen Arzneimittelrabatte. Dies alles hat zu einem Stillstand der
Ausgabenentwicklung bei den Arzneimitteln beigetragen und die Ausgaben
der Krankenkassen stabilisiert.“
Im Report wird ein anderes Land in Vergleich zu Deutschland gesetzt –
dieses Jahr ist das Großbritannien. Laut Schwabe koste das
umsatzstärkste Arzneimittel Humira (6 pen mit 40 mg, ausreichend für 12
Wochen, Apothekenverkaufspreis inklusive Steuer 5.227,96 Euro) ohne
Mehrwertsteuer 4.393,24 Euro und sei fast doppelt so teuer wie in
Großbritannien (umgerechnet 2.408,02 Euro). Dort werde allerdings keine
Mehrwertsteuer auf Medikamente erhoben. Für Humira könnte sich also in
Deutschland ein mehrwertsteuerfreies Einsparpotential von 187 Mio. Euro
und für die zehn führenden Patentarzneimittel von 977 Mio. ergeben.
Genau diesen Vergleich prangern die Pharmaverbände an. Dr. Norbert
Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BPI, poltert: „...
dass der Report die Systematik der Preisbildung in Deutschland und
anderen europäischen Ländern nicht verstanden hat oder stillschweigend
ignoriert. Von einem Arzneimittel, das in der Apotheke 11 Euro zu
Lasten der GKV kostete, erhält der Hersteller nur rund 35 Cent. Der
Rest geht in die Mehrwertsteuer und die Handelsstufen. Und wer deutsche
Preise mit denen im Vereinigten Königreich vergleicht, sollte zudem
auch an den Wechselkurs denken!“
Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, kann den Vergleich
auch nicht nachvollziehen: „Darüber hinaus vergleicht er
Apothekenverkaufspreise in Deutschland und Großbritannien und nicht die
Preise ab Werkstor. Nur Letzteres ist jedoch zulässig, denn in den
Apothekenverkaufspreisen sind bekanntlich die Zuschläge für Großhandel
und Apotheken sowie die gesetzliche Mehrwertsteuer enthalten. Und diese
verteuern gerade in Deutschland preisgünstige Generika.“
Im Report wird auch gefordert, dass immer das günstigste Generikum
abgegeben werden sollte. Dadurch könnten sich 1,6 Mrd. Euro einsparen
lassen – zumindest ist das die für diesen Fall errechnete Summe.
Schwabe fordert ein „Generika-AMNOG, um auch bei den Generika bessere
Marktinstrumente zu entwickeln.“
Die Report-Herausgeber sprechen sich denn auch klar für das AMNOG und
die frühe Nutzenbewertung aus, von der sie sich einiges erhoffen.
Paffrath ist der Meinung, dass das „Ziel dabei sein muss, dass für
innovative Therapien angemessene Preise gelten, die einerseits den
Hersteller für seine Forschungsaufwendungen honorieren und gleichzeitig
innovative Therapien für alle bezahlbar gestalten.“
Dieser Wunsch ist dem von vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer gar
nicht so unähnlich: „Alle Untersuchungen der jüngsten Zeit zeigen, dass
gegenwärtig bei den Ausgaben im Gesundheitssystem die Lage entspannt
ist: Die Krankenkassen verfügen über Milliardenüberschüsse. Auch die
Arzneimittelausgaben sind stabil. Das gibt allen Akteuren die Chance,
eine konstruktive Debatte darüber zu führen, wie Innovationen und eine
nachhaltige Finanzierung in Einklang zu bringen sind.“
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PM-Report 10/11
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