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19. Mai 2012   Sie sind nicht eingeloggt    
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Gesundheitswesen
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Markt + Umfeld
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Arzneiverordnungs-Report 2011
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Atlas versus Report: Das Ritual der Gegensätze

Jedes Jahr stehen sich zwei Publikationen gegenüber: der Arzneimittel-Atlas und der Arzneiverordnungs-Report (AVR). Den Unterschied machten die Herausgeber des Reports, Prof. em. Dr. med. Ulrich Schwabe und Dr. rer. soc. Dieter Paffrath, in ihrem Sinn klar: Der Atlas werde im Auftrag vom vfa durch das IGES Institut erstellt.


Unausgesprochen blieb dabei, dass die Report-Herausgeber sich wohl selber als neutral ansehen. Ob das so ist, das stellen zumindest die Gegner des Reports in Frage. Denn die Datengrundlage für den AVR liefert das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Und ob es neutraler ist, dass sich Jürgen Graalmann, stellv. Vorsitzender des geschäftsführenden Vorstandes des AOK-Bundesverbandes, bei der Vorstellung des Reports vehement für die Rabattverträge aussprechen durfte, darf man vielleicht auch mit einem Fragezeichen versehen.

Naturgemäß wird im AVR der hohe Arzneimittelverbrauch kritisiert. Der Atlas geht dagegen eher auf den erzielten Überschuss (2,417 Mrd. Euro) der Kassen im ersten Quartal 2011 ein. Dazu gebe es für das Jahr 2010 noch gut 1 Mrd. Euro mehr Rabatt als im Vorjahr – inklusive 660 Mio. Euro durch den neu eingeführten Zwangsrabatt. Im Atlas stehen folgende Rechenergebnisse: Der Anstieg der Arzneimittelausgaben der Krankenkassen von 2008 zu 2009 betrug 5,7%. Der Zuwachs hat sich von 2009 zu 2010 abgeschwächt und liegt nur noch bei 1,6%. Die Ausgaben für Fertigarzneimittel inklusive Impfstoffe erreichten 2009 in der GKV 28,0 Mrd. Euro, 2010 waren es 28,1 Mrd. Euro.

Im Report werden folgende Schlüsse gezogen: Der Anteil der Arzneimittel an den Leistungsausgaben der GKV (2011: 17,7%, 2010: 19,0%) ist erstmals wieder rückläufig. Die Arzneimittelausgaben ohne Impfstoffkosten haben sich im Jahr 2010 erneut gesteigert: Um 330 Mio. Euro (+1,0%) auf 32,03 Mrd. Euro. Dieser Anstieg fällt aber im Vergleich zum Vorjahr (4,8%) deutlich geringer aus und liegt auch unter dem Anstieg der Gesamtausgaben der GKV um 2,9% auf 180,74 Mrd. Euro.

Also eigentlich doch ein guter Impuls? Das sieht Paffrath nicht so. Denn trotz rückläufiger Verordnungen (-2,8%) steigt der Umsatz in 2010 laut Report um knapp 1 Mrd. Euro auf insgesamt 14,2 Mrd. Euro – das entspricht fast der Hälfte des Gesamtumsatzes bei den Fertigarzneimitteln. „Davon fallen rund 3,5 Mrd. Euro auf sogenannte Analogpräparate ohne Zusatznutzen gegenüber bereits eingeführten Präparaten. Der Verordnungsanteil aller patentgeschützten Arzneimittel am Gesamtmarkt beträgt hingegen lediglich 11,5%“, runzelt er die Stirn.

Für das Autorenteam des Atlas erklärt Prof. Bertram Häussler (IGES) dagegen: „Wie in den Vorjahren war die Entwicklung der Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen gekennzeichnet von einem Ausgleich zwischen Einsparungen – insbesondere durch auslaufende Patente – und Mehrausgaben für Innovationen. Dämpfend wirkten sich außerdem der seit Jahren rückläufige Mehrverbrauch an Arzneimitteln aus sowie die starken Einsparungen durch die seit August 2010 zusätzlich erhobenen Arzneimittelrabatte. Dies alles hat zu einem Stillstand der Ausgabenentwicklung bei den Arzneimitteln beigetragen und die Ausgaben der Krankenkassen stabilisiert.“

Im Report wird ein anderes Land in Vergleich zu Deutschland gesetzt – dieses Jahr ist das Großbritannien. Laut Schwabe koste das umsatzstärkste Arzneimittel Humira (6 pen mit 40 mg, ausreichend für 12 Wochen, Apothekenverkaufspreis inklusive Steuer 5.227,96 Euro) ohne Mehrwertsteuer 4.393,24 Euro und sei fast doppelt so teuer wie in Großbritannien (umgerechnet 2.408,02 Euro). Dort werde allerdings keine Mehrwertsteuer auf Medikamente erhoben. Für Humira könnte sich also in Deutschland ein mehrwertsteuerfreies Einsparpotential von 187 Mio. Euro und für die zehn führenden Patentarzneimittel von 977 Mio. ergeben.

Genau diesen Vergleich prangern die Pharmaverbände an. Dr. Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BPI, poltert: „... dass der Report die Systematik der Preisbildung in Deutschland und anderen europäischen Ländern nicht verstanden hat oder stillschweigend ignoriert. Von einem Arzneimittel, das in der Apotheke 11 Euro zu Lasten der GKV kostete, erhält der Hersteller nur rund 35 Cent. Der Rest geht in die Mehrwertsteuer und die Handelsstufen. Und wer deutsche Preise mit denen im Vereinigten Königreich vergleicht, sollte zudem auch an den Wechselkurs denken!“

Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, kann den Vergleich auch nicht nachvollziehen: „Darüber hinaus vergleicht er Apothekenverkaufspreise in Deutschland und Großbritannien und nicht die Preise ab Werkstor. Nur Letzteres ist jedoch zulässig, denn in den Apothekenverkaufspreisen sind bekanntlich die Zuschläge für Großhandel und Apotheken sowie die gesetzliche Mehrwertsteuer enthalten. Und diese verteuern gerade in Deutschland preisgünstige Generika.“

Im Report wird auch gefordert, dass immer das günstigste Generikum abgegeben werden sollte. Dadurch könnten sich 1,6 Mrd. Euro einsparen lassen – zumindest ist das die für diesen Fall errechnete Summe. Schwabe fordert ein „Generika-AMNOG, um auch bei den Generika bessere Marktinstrumente zu entwickeln.“

Die Report-Herausgeber sprechen sich denn auch klar für das AMNOG und die frühe Nutzenbewertung aus, von der sie sich einiges erhoffen. Paffrath ist der Meinung, dass das „Ziel dabei sein muss, dass für innovative Therapien angemessene Preise gelten, die einerseits den Hersteller für seine Forschungsaufwendungen honorieren und gleichzeitig innovative Therapien für alle bezahlbar gestalten.“

Dieser Wunsch ist dem von vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer gar nicht so unähnlich: „Alle Untersuchungen der jüngsten Zeit zeigen, dass gegenwärtig bei den Ausgaben im Gesundheitssystem die Lage entspannt ist: Die Krankenkassen verfügen über Milliardenüberschüsse. Auch die Arzneimittelausgaben sind stabil. Das gibt allen Akteuren die Chance, eine konstruktive Debatte darüber zu führen, wie Innovationen und eine nachhaltige Finanzierung in Einklang zu bringen sind.“

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