„Fortbildungsveranstaltungen sind keine Werbeveranstaltungen.“ Der, der
das sagt und aus der Ärztefortbildung kommt, möchte lieber nicht
genannt werden. Vielleicht, weil das in einigen Teilen der Branche ein
Umdenken bedeutet? Oder weil das den Kritikern der ärztlichen
Fortbildung, das sind nicht nur einige Publikumsmedien, sondern auch
ärztliche Standesvertreter, Wasser auf die Mühlen gießt?
Auf der anderen Seite: Wie will man über eine neue Therapieoption
informieren und fortbilden, ohne den Namen des neuen Medikamentes zu
nennen? Das macht es schwierig, weil die Grenzen fließend und oft
schwer zu definieren sind. Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender
des Deutschen Senates für ärztliche Fortbildung der Bundesärztekammer
(BÄK) und Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein, sieht die
Brisanz: „Zunächst ist es Ziel unseriöse Anbieter von vorneherein zu
identifizieren und auszuschließen. Ob es mittel- und langfristig
möglich ist, Fortbildung völlig unabhängig zu machen von einer
Förderung durch die Industrie, wird derzeit noch von Vielen
bezweifelt.“ Er betont: „Fokussiert werden sollte vor allem, dass es
mehr um Inhalt geht und nicht nur um das Erreichen von Punkten.“
Ein Wunschtraum? Denn immerhin stehen die Ärzte/innen unter dem Druck,
bis zum Stichtag, dem 30. Juni 2009, 250 CME-Punkte vorweisen zu
müssen. Ob das alle schaffen? Laut der BÄK liegen „entsprechende Daten
noch nicht vor, da die meisten Teilnahmebescheinigungen in Papierform
gesammelt werden. Wir sind zuversichtlich, dass die formalen
Voraussetzungen für den Nachweis bis Ende Juni erfüllt werden können.“
Das hört sich nach mauern an. Denn einige Zahlen gibt es durchaus. So
hat die Landesärztekammer Bayern im Februar veröffentlicht, wie es in
ihrem Bundesland aussieht: Von den 19.200 niedergelassenen
Ärzten/innnen haben bisher 10.479 Ärzte die notwendige Punktzahl
erreicht. Die Kammer geht davon aus, dass es aber nicht alle schaffen
werden. In Hessen schafften von ca. 7500 Ärzten/innen bis März 5001 die
erforderliche Punktzahl. Die hessische Ärztekammer ist zuversichtlich,
dass bis zur Deadline 85% bis 90% die Hürde überwinden. In
Niedersachsen wurden bereits rund 6000 Zertifikate ausgestellt, etwa
2500 Ärzte müssen die Punkte noch vorweisen. Die Landesärztekammer
Baden-Württemberg konnte bis zum 31. März 8892 Mediziner/innen zählen,
die ihre volle Punktzahl bereits erreicht und deswegen schon einmal ihr
Fortbildungszertifikat beantragt haben. Davon sind bei der Ärztekammer
7415 als in einer Praxis tätig gemeldet.
Dass die meisten Kammern genauso wie die BÄK so zögerlich mit der
Bekanntgabe der Zahlen sind, lässt zumindest die Vermutung zu, dass es
noch genügend Ärzte/innen gibt, die das Klassenziel bisher nicht
erreicht haben. Der Senat für ärztliche Fortbildung stellt dazu
verwundert fest, dass scheinbar immer noch viele der Betroffenen trotz
zahlreicher Informationskampagnen über den § 95 d SGB V und dessen
Sanktionsverpflichtungen nur unzureichend informiert sind.
Die Ärzte hatten fünf Jahre Zeit, um durch verschiedene
Fortbildungsmöglichkeiten ihre Punkte zu sammeln. Ungestraft bleiben
die Nachzügler nicht: Der Gesetzgeber schwinkt das Damoklesschwert der
Honorarkürzungen. Und zwar wird in den ersten vier Quartalen das
Honorar um 10% gekürzt, ab dem 5. Quartal um 25% – sollte das alles
nicht wirken, kann es im schlimmsten Fall zum Entzug der Approbation
kommen.
Wie wird es weitergehen? Dazu betont die BÄK: „Ärztliche Fortbildung
bzw. das Fortbildungszertifikat ist keine Erfindung des
Sozialgesetzbuches, sondern seit jeher selbstverständlicher Bestandteil
der ärztlichen Berufsausübung mit dem Ziel, die Patientenversorgung zu
optimieren. Von Seiten der Ärztekammern werden die Fortbildungsmethoden
evaluiert und weiterentwickelt.“
Ein vollständige Abkehr von dem bisherigen Procedere darf man also
nicht erwarten. Zumal die BÄK betont, dass beim System selbst kein
Verbesserungsbedarf gesehen werde. Allerdings erwartet sie einen
fortgesetzten Trend in Richtung der internetgestützten Fortbildung.
Dass alles so bleibt, wie es war, dafür gibt es einige Fürsprecher.
Joachim Ortleb, Leitung Medizinische Kommunikation beim Georg Thieme
Verlag, beispielsweise sagt: „Die Verpflichtung zum Nachweis der
Fortbildung wird sicherlich auch nach dem 30. Juni Bestand haben.
Persönlich würde ich dafür plädieren, möglichst nah am jetzigen System
zu bleiben. … Doch kann kein anderes System bei gleichzeitiger
Fortbildungspflicht die Freiwilligkeit bei der Auswahl der
Fortbildungsangebote garantieren …“
Allerdings: Wenn zum Stichtag die Zahl der Ärzte, die ihr
Fortbildungszertifikat noch nicht beantragen konnten, weil ihnen
Fortbildungsnachweise fehlen, relativ hoch ist, wird die Politik
reagieren. Der Zwang zur Fortbildung ging von ihr aus, sie wird
Handlungsbedarf erkennen, falls das System nicht funktioniert.
Umstritten bleiben dürfte die Beteiligung der Industrie. Obwohl es
genügend Kritiker gibt, die eine vollständige Unabhängigkeit wünschen,
eröffnen sich bisher wenige Alternativen: Der Arzt muss in die Tasche
greifen. Realistisch gesehen ist das wenig realistisch.
Und vor allem: Ist es tatsächlich praktikabel? Es gilt, sich an
Spielregeln zu halten. Auch wenn manchmal Grenzbereiche umstritten
bleiben. Letztendlich wird der Arzt der platten Produktanpreisung die
kalte Schulter zeigen. Unter dem herrschenden Druck zu wirtschaftlichem
Handeln sowie neues Fachwissen zu sammeln, bleibt keine Zeit für
Fortbildungsmaßnahmen, die die Qualität nicht erreichen.
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PM-Report 4/09
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