Krankenversicherungssystem der Zukunft: Gemeinsamer Wettbewerb

Die Frage, ob sich unser Gesundheitssystem in Zukunft ein Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung noch leisten kann, versucht das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) zu beantworten. Die Antwort auf diese Frage fällt eher überraschend aus: Der Wettbewerb im Krankenversicherungssystem soll über die Grenzen von PKV und GKV hinweg funktionieren und den Versicherten weit mehr Wahl- und Wechselmöglichkeiten bieten.


Die Studie des WIdO kann keinen „Systemwettbewerb“ zwischen GKV und PKV in Deutschland in der Form eines "sinnvollen" Wettbewerbes erkennen, von dem alle Versicherten und Patienten profitieren. Das liege vor allem daran, dass nur ein äußerst kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt über eine echte Wahloption verfüge. Insbesondere Alte und Kranke könnten kaum noch ihre Krankenversicherung wechseln, ein Zurück von der PKV in die GKV stehe als Möglichkeit sowieso nicht offen. Folgert die Studie: "Dieser untaugliche Wettbewerb konterkariert im Ergebnis alle Bemühungen zur flächendeckenden Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen und wirtschaftlichen Versorgung für die gesamte Bevölkerung und wirkt letztlich kontraproduktiv."

Und wie soll es dann bitte aussehen, das Krankenversicherungssystem der Zukunft? Vor allem gehe es nicht darum, die bestehende Dualität von PKV und GKV zu reformieren. Weil dieses duale System aber an seine Grenzen stößt, formuliert WIdO-Geschäftsführer Prof. Dr. Klaus Jacobs die Anforderung: "Vielmehr müssen wir ein gemeinsames System schaffen, das gleichzeitig solidarisch und wettbewerblich ausgestaltet ist und allen Versicherten und Patienten gleichermaßen nutzt.“

Und dieses System hat drei zentrale Anforderungen: die solidarische Finanzierung eines umfassenden Leistungskatalogs, lebhaften Wettbewerb auf der Grundlage möglichst uneingeschränkter Wechselrechte aller Versicherten zu allen Versicherungen sowie wirksame Instrumente zur Steuerung der Gesundheitsversorgung im Hinblick auf Qualität und Wirtschaftlichkeit. Ein Element dabei ist, dass in beiden Versicherungsarten der Versicherungsumfang solidarisch finanziert wird. Das bedeutet, dass auch in der PKV die Beiträge vom Einkommen abhängig gemacht werden, Gutverdiener also mehr als Geringverdiener zahlen.

Als Demonstrationsobjekt, wie ein derartiges System funktionieren könnte, wählt das WIdO die Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Dort gebe es in der Krankenversicherung ein einheitliches Wettbewerbssystem für die ganze Bevölkerung. Mehr als die Hälfte der Versicherten (2012: 56%) sei mittlerweile freiwillig in unterschiedlich entwickelte Versorgungsmodelle eingeschrieben, die ausnahmslos Einsparerfolge nachweisen könnten.

Mit der Öffnung der PKV für alle Bürger kann sich Gesundheitsminister Daniel Bahr mit Sicherheit anfreunden. In einem Interview mit der Rhein-Zeitung hat er seine Vision beschrieben, dass sich alle Bürger privat krankenversichern können. Dazu müsse die PKV ihren Mitgliedern eine Grundversorgung für Krankheitsfälle garantieren. Im Grunde läuft dieser Vorschlag auf die Abschaffung der Versicherungspflichtgrenze hinaus.

Doch zu Ende gedacht ist diese Vision nicht, weil sie die grundsätzlichen Probleme nicht beseitigt, mahnen Kritiker. Zwar belebe Konkurrenz das Geschäft, doch finde der dann nur um die guten Risiken - sprich um die Gesunden und Gutverdiener - statt. Die schlechten Risiken und Geringverdiener würden sich in der GKV wieder finden und letztlich deren Leistungskatalog bedrohen.

Quelle: Klaus Jacobs, Sabine Schulze (Hrsg.): Die Krankenversicherung der Zukunft. Anforderungen an ein leistungsfähiges System. ISBN 978-3-940172-31-0 PM 03.09.13

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