#fairteilen: Diskussion um den Morbi-RSA neu entbrannt

Unter dem Hashtag (#) fairteilen auf twitter finden sich seit letztem Jahr Kommentare zum morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA). In Erinnerung kommt dabei vielleicht das Interview vom TK-Chef Jens Baas, der im Jahr 2016 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte: "Es ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren. Dann gibt es mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich, der hohe und teure Gesundheitsrisiken unter den einzelnen Kassen ausgleichen soll. Aus einem leichten Bluthochdruck wird ein schwerer. Aus einer depressiven Stimmung eine echte Depression, das bringt 1000 Euro mehr im Jahr pro Fall." Nicht erst seit diesem Interview, fordern vermehrt und verstärkt die Kassen, dass der Morbi-RSA überarbeitet werden muss. Und gerade die TK hat aktuell ein Gutachten zum Thema vorgestellt, auf das sich wiederum auch andere Kassen auf twitter berufen.

Detlef Baer, IKK BB-Verwaltungsrat und Vorsitzender des Grundsatzausschusses, kritisierte vor einiger Zeit: "Ich erkenne keine gerechte Verteilung solidarisch erwirtschafteter Beitragsgelder. Ich sehe Gewinner des Systems, wie die AOK oder die KnappschaftBahnSee, deren Zuweisungen weit über dem Bedarf liegen. Dort kann Geld gehortet werden. Anderen Kassen dagegen droht die Unterfinanzierung, als Folge dann schlimmstenfalls eine Beitragssatzerhöhung."

 


So betonte er noch: "Uns geht es erst mal darum, den Morbi-RSA gegen offensichtliche Manipulationen abzusichern. Es kann doch zum Beispiel nicht angehen, dass Mitbewerber in Praxen Diagnosen beeinflussen, um Patienten kränker machen zu lassen und damit finanzielle Vorteile zu erzielen."


 


Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) setzt sich mit einer Weiterentwicklung auseinander. So hat der Wissenschaftliche Beirat mit einer weiteren Evaluation der Wirkungen des RSA sowie einem Gutachten zu seiner regionalen Verteilungswirkung im November 2017 bzw. Juni 2018 vorgelegt. Die Reformvorschläge des Wissenschaftlichen Beirats werden derzeit geprüft, heißt es von Seiten des BMG.


 


Den Kassen geht das nicht schnell genug. Einige haben Blogs oder Unterseiten auf ihren Website zum Morbi-RSA eingerichtet, um dort zu diskutieren und ihre Verbesserungsvorschläge anzubringen. Die TK hausiert gerade mit einem Gutachten dazu. Prof. Dr. med. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin und Leiter des Gutachtens, zieht das Fazit: "Wir weichen schon heute - also mit 80 relevanten Erkrankungen - mit der Steigerung der kodierten Morbidität von international für Deutschland ermittelten Vergleichsdaten ab. Eine Reform muss endlich dafür sorgen, dass der Morbi-RSA tatsächlich das leistet, was er leisten soll: einen Ausgleich für Versicherte mit teuren Erkrankungen, und nicht primär für Krankheiten, die viele Versicherte betreffen." Ein Vollmodell, das alle Krankheiten berücksichtigt, sei nicht die geeignete Lösung, unterstreicht Busse.


 


Dafür erhält die TK Zustimmung auf twitter, wie von der BKK VBU‏ @BKK_VBU: "Studie der @TUBerlin im Auftrag von @TK_Presse zieht doch ganz richtiges Fazit zum #MorbiRSA: Konzentration auf schwer verlaufende oder chronische und kostenintensive Krankheiten ist angezeigt! Das ist der einzige Sinn eines Finanzausgleichs in der #GKV! #fairerFonds #fairteilen" Die AOK Nordost twittert: "Wie sieht ein #fairerFonds aus? Der Regionalfaktor ist der falsche Weg, weil er die bestehende Unter- & Überversorgung zementiert, anstatt das Geld gerecht zu verteilen."


 


Die Schlussfolgerung in dem Gutachten lautet: "Eine Fortentwicklung des RSA sollte daher primär die Fehlentwicklungen der letzten Jahre mit berücksichtigen. Der RSA sollte so gestaltet werden, dass künftig (wieder) eng abgrenzbare Krankheiten im Vordergrund des Ausgleichs stehen, die einen schwerwiegenden Verlauf aufweisen oder kostenintensive chronische Erkrankungen darstellen. Genau bei diesen Krankheiten ist die Prävalenzentwicklung weitgehend stabil, es besteht also kein empirisch untermauerter Verdacht auf eine RSA-getriggerte Einflussnahme. Sie können daher, zum Teil enger als heute definiert, eine sinnvolle Basis für ein Ausgleichssystem darstellen, das für einen fairen Wettbewerb zwischen den Krankenkassen sorgt."


 


Im FAZ-Interview wurde Baas gefragt, warum er die Schummelei öffentlich und sich selbst anklaget. Seine Antwort: "Weil ich möchte, dass das System manipulationsresistent gemacht wird."


 


Das Gutachten der TK unter:


https://www.tk.de/resource/blob/2055168/cc6023fd3e6123380fd6eb8397ddea5a/gutachten-professor-busse-morbi-rsa-data.pdf

17.01.19

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