Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2014: Forderung nach einer Nutzenbewertung

Die Analyse erstellte Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für
Sozialpolitik der Universität Bremen für die Krankenkasse. Und Glaseke
spricht sich anlässlich seiner Berechnungen ganz klar für eine
Nutzenbewertung im Bereich der Heil- und Hilfsmittel aus. Denn er ist
überzeugt: "….auf der Basis dieser Zulassungsunterlagen wird dann, wie
bei den Arzneimitteln, eine Nutzen- und daran anschließend eine
Kosten-Nutzen-Bewertung durchgeführt, die sicherstellen soll, dass
diese therapeutisch notwendigen Geräte auch auf Dauer für einen
Patienten nützlich, funktionstüchtig und sicher sind."


Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der
Barmer GEK, kann Glaeske nur zustimmen: "Obwohl in einer älter
werdenden Gesellschaft der Bedarf an einer qualifizierten Heil- und
Hilfsmittelversorgung zunimmt, müssen wir die Preis- und
Mengenentwicklung im Auge behalten. In dem extrem unübersichtlichen
Markt der Medizinprodukte brauchen wir vor allem eine Nutzenbewertung." Schlenker stützt sich dabei auf die Berechnungen im aktuellen Report.
So stiegen in den ersten sechs Monaten diesen Jahres die Ausgaben bei
Heilmitteln, also etwa der Physiotherapie oder Logopädie, um 7,1%. Bei
der Barmer GEK waren die Ausgaben in diesem Sektor um 4,1% angestiegen.
Bei den Hilfsmitteln – zu denen zum Beispiel Rollstühle, Krankenbetten
oder Hörgeräte zählen – waren die Ausgaben im ersten Halbjahr 2014 bei
allen Kassen um 9,5% und bei der Barmer GEK um 10,8% nach oben
geschnellt. Glaeske rechnet außerdem vor: "In den Jahren von 2007 bis 2013 sind sie
bei den Heilmitteln jedoch insgesamt um 34,5 Prozent, von 3,91
Milliarden auf nun 5,26 Milliarden Euro gestiegen und bei den
Hilfsmitteln von 5,52 Milliarden auf 6,80 Milliarden Euro. Das
entspricht einem Plus um 23,2 Prozent." Sowohl für Glaeske als auch für Schlenker das deutliche Zeichen nach
einer Regulierung zu verlangen, wie das im Arzneimittelmarkt durch das
AMNOG geschehen ist. Glaeske will diesen Status einer Nutzenbewertung
erreichen, dafür "sind allerdings erhebliche gesetzliche
Nachbesserungen oder Ergänzungen im SGB V notwendig. Sie sind auch
überfällig, um ähnlich wie in der Arzneimittelversorgung
Voraussetzungen für eine Versorgungsqualität zu erreichen, die den
Anforderungen der §§2, 12 und 70 im SGB V entspricht: Danach müssen die
Leistungen dem allgemein anerkannten Kenntnisstand in der Medizin
entsprechen, den therapeutischen Fortschritt berücksichtigen und
wirtschaftlich eine ausreichende und notwendige Behandlung ermöglichen".

Außerdem hat er zusätzliche Vorschläge:


  • Der Gesetzgeber könnte in Analogie zu den rechtlich verankerten
    Möglichkeiten der Stiftung Warentest oder auch des Instituts für
    Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) höhere
    qualitative Anforderungen an Hilfsmittel und Medizinprodukte
    definieren, über den Nachweis der CE- oder der DIN-Kennzeichnung
    hinausgehend. Hilfsmittel müssen nicht nur funktionieren, sie müssen
    auch einen Nutzen erbringen.


  • Das Hilfsmittelverzeichnis soll nur solche Produkte führen, die auch
    nach dem Stand der Technik akzeptabel sind und für die möglichst auch
    Studien zum Patienten- oder Versichertennutzen vorliegen. Das bedeutet
    zugleich, dass solche Produkte aus dem Hilfsmittelverzeichnis
    gestrichen werden, die diesem Stand nicht mehr entsprechen oder bei
    denen ein Zweifel am Nutzen besteht. Diese Mittel dürfen folglich nicht
    mehr in der GKV-Versorgung genutzt werden. Es muss für die Hersteller
    mit einem ökonomischen Anreiz verbunden sein, im Hilfsmittelverzeichnis
    mit allen Daten zur Produkt- und Preistransparenz gelistet zu werden,
    auch wenn das Hilfsmittelverzeichnis keine „Positivliste“ ist.


  • Die Hilfsmittelverordnungen müssen erfasst und die erhobenen Daten,
    wie beim GKV-Arzneimittelindex, an eine auswertende Institution
    weitergeleitet werden. Auf diesem Wege entsteht Transparenz über den
    immer weiter wachsenden Verordnungsmarkt in der Hilfsmittelversorgung
    bzgl. der Produkte, der Hersteller und Anbieter sowie der Verordnungen
    in räumlichen, zeitlichen und finanziellen Dimensionen.


  • Der § 305a des SGB V bietet den Krankenkassen die Möglichkeit, den
    Vertragsärztinnen und -ärzten Verordnungsübersichten ihrer
    Arzneimittelverordnungen eine Beratung über eine mögliche Optimierung
    der Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit zukommen zu lassen. Eine
    vergleichbare, gesetzlich verankerte Möglichkeit sollte auch in der
    Hilfsmittelversorgung dazu führen, dass Berichte über Auffälligkeiten
    in der Wirtschaftlichkeit und Auswahl der Hilfsmittel für die Anbieter-
    und Lieferinstitutionen erstellt werden, um durch diese Hinweise die
    Qualität und Effizienz der Verordnung verbessern zu können. Eine
    Erweiterung des § 305a um den Begriff der Hilfsmittel wäre daher
    sinnvoll.


  • Eine Hilfsmitteldatenbank soll einen Überblick über den Gesamtmarkt
    verschaffen, die wie im Arzneimittelbereich eine Transparenz fördern
    würde, wie sie dort seit Jahren erreicht wurde. Von dieser Transparenz
    bezüglich des gesamten Marktes, der Hersteller, Preise und Produkte ist
    der Hilfsmittelmarkt bisher weit entfernt. Der GKV-Spitzenverband
    sollte die von den Kassen erhobenen Verordnungsdaten zusammenführen und
    auswerten, damit ein Marktüberblick nach Jahren und den Kategorien
    Verordner, Abgabeeinrichtungen, Produkte und deren Preise, Ausgaben und
    Verordnungsfrequenzen, auch mit Blick auf regionale Besonderheiten, in
    Analogie zum Arzneiverordnungs-Report veröffentlicht werden kann.





Andere Ergebnisse aus dem Report im Überblick:
    •    Ausgaben für
Heilmittel:
 Hier ist die Physiotherapie nach wie vor der größte
Posten. Für 1,76 Millionen Versicherte der Barmer GEK wurden 2013
insgesamt 539,8 Millionen Euro ausgegeben, ein Zuwachs um 3,3 Prozent
je Leistungsversichertem gegenüber 2012. Ergotherapie erhielten 103.000
Versicherte, dafür entstanden Kosten von 99,8 Millionen Euro (+ 2,50
Prozent). Die Ausgaben für Logopädie für 89.000 Versicherte betrugen
66,8 Millionen Euro (+ 3,4 Prozent); bei der medizinischen Fußpflege
sanken die Ausgaben minimal um 0,2 Prozent. Die podologische Versorgung
von 75.000 Versicherten kostete 11,9 Millionen Euro (siehe Seite 38 im
Report).     •    Ausgaben für Hilfsmittel: Die
wichtigsten Berufsgruppen für die Versorgung mit Hilfsmitteln für
BARMER GEK Versicherte 2013 waren die Orthopädiemechaniker und
Bandagisten. Für ihre Leistungen wurden rund 406 Millionen Euro (+ 4,75
Prozent gegenüber 2012) gezahlt. 73,3 Millionen Euro wurden für
Leistungen von Orthopädieschuhmachern aufgewandt (+ 8 Prozent). Die
Ausgaben für Hörgeräteakustiker stiegen um 3,33 Prozent auf 70
Millionen Euro (Seite 76).     •    Regionale Unterschiede: Der
Report bilanziert deutliche regionale Unterschiede bei der Versorgung
mit Heil- und Hilfsmitteln. So variierte 2013 die Versorgungsrate von
Verordnungen aufgrund ergotherapeutischer Indikationen bei einem
bundesweiten Durchschnitt von 22 Prozent zwischen 16 Prozent in Bremen
und 26 Prozent in Sachsen und Berlin (Seite 53). Bei den Hilfsmitteln
zeigten alters- und geschlechtsstandardisierte Betrachtungen in
Sachsen-Anhalt mit 206 Leistungsempfängern je 1.000 Versicherte den
niedrigsten Versorgungsanteil. Das Saarland hatte mit 235
Leistungsversicherten den höchsten Anteil aufzuweisen (Seite 81).     •    Variationen nach Alter und
Geschlecht:
Mit Hilfsmitteln werden Frauen in allen Altersgruppen
häufiger versorgt. Deutlich sind die Unterschiede zwischen Männern und
Frauen bei den älteren Jahrgängen ab 80 Jahren (Seite 78). Ein
ähnliches Bild zeigen die Heilmittel. In der Logopädie hat 2013 der
Anteil sprachtherapeutisch behandelter Männer zwischen 20 und 40 von
2013 zu 2012 um über zehn Prozent zugenommen (Seite 55).
17.09.14

powered by webEdition CMS