Arztinformationssystem (AIS): Wohin geht die Reise?

Am 9. März ist das "Gesetz zur Stärkung der Arzneimittelversorgung in der GKV" (AMVSG) verabschiedet worden. Darin ist auch vorgesehen: “Damit den Patienten die Ergebnisse der Nutzenbewertung zugutekommen, werden Ärzte künftig über ihre Praxissoftware besser über diese Ergebnisse informiert.” Sprich durch das AIS. Doch wie soll das funktionieren und wer hat die Hoheit über die Informationen, die dann u.a. zum Arzt gelangen? Zumindest die Antwort auf die zweite Frage steht ohne Zweifel fest, es wird der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sein. Auf einer von Boehringer Ingelheim veranstalteten Diskussion zu dem Thema, meinte Thomas Müller, Leiter der Abteilung Arzneimittel beim G-BA, dass “nach fünf Jahren AMNOG weitere Anstrengungen zur Nutzung der umfangreichen Informationen aus dem Bewertungsverfahren erforderlich und sinnvoll sind.” Das klingt löblich, aber trivial wird es nicht.


Zwar will der G-BA, dass bessere Informationen für Patienten, Ärzte (Haus- und Fachärzte, ambulant und stationär) und Apotheker zur Verfügung gestellt werden. Und auch die Implementierung der Beschlüsse in Arzt- und Krankenhausinformationssysteme sind notwendig. Doch Studien zeigen auch, dass Ärzte die G-BA Beschlüsse zu den frühen Nutzerbewertung kaum lesen. Viel zu kompliziert und langwierig seien die Beschlussfindungen. Der G-BA selber steht vor dem Problem, zu entscheiden, was relevant ist, denn “Hinweise zur Wirtschaftlichkeit erfordern differenzierte Betrachtung des Stellenwertes der Vergleichstherapien (sowie evtl. weiterer Therapieoptionen) und des neuen Arzneimittels. Relevante Therapieoptionen bei definierten Patientengruppen, unter bestimmten Voraussetzungen, sind zu bestimmen. Außerdem sollten Therapiehinweise und Verordnungseinschränkungen die Erstattungsbetragsverhandlungen ergänzen.”

Müller macht ganz deutlich, dass es dem G-BA immer um die Wirtschaftlichkeit geht -  und dass diese Verantwortung auch beim Arzt liegt. Denn für den G-BA ist ein verhandelter Preis nach AMNOG nicht gleichbedeutend mit dem wirtschaftlichen Einsatz eines Arzneimittels. Es sei und bleibe immer auch Aufgabe des Arztes zu prüfen, ob es eine wirtschaftlichere Alternative gibt oder nicht. Die letzte Entscheidung zu solchen Fragen liege beim G-BA. Müller gab aber auch zu, dass der G-BA in der Pflicht sei, künftig besser zu definieren, was hinter der häufig vergebenen AMNOG-Bewertung “Zusatznutzen nicht belegt” stecke. Weil Produkte, die damit belegt würden, könnten häufig für bestimmte Patientengruppen durchaus eine relevante Therapieoption sein. Dies darzustellen, werde der G-BA bei seinem Input ins Informationssystem künftig genauer beachten.

Als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) kritisiert Prof. Dr. Bernhard Wörmann von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) seine Kritik an manchen Ausführungsplänen zum AIS. Die Fachgesellschaften hatten im August 2016 gefordert, das System solle die Ärzte nicht nur einfach über die gefallene Entscheidung im AMNOG-Prozess informieren, sondern auch über den neuesten Wissensstand zu den jeweiligen Arzneimitteln. Auch die aktuellen Leitlinien der Fachgesellschaften sollten Teil des Systems sein. Er appelliert: “Neue wissenschaftliche Erkenntnisse müssen auch außerhalb der Nutzenbewertung Eingang ins AIS finden!” Auf dem Portal onkopedia.de, gibt es einen Extra-Raum für die Arzneimittelbewertung. Darin werden - in Rot hervorgehoben - Vermerke gemacht, wenn es weitere Daten zu einem Ergebnis der frühen Nutzerbewertung gibt und z. B. eine Subgruppe von einem neuen Medikament profitieren kann, obwohl der Zusatznutzen als nicht beleget eingestuft worden ist.

Beispiel Afatinib: Erstlinientherapie, guter Allgemeinzustand, Nachweis anderer aktivierender, genetischer Aberrationen - dort gilt der Zusatznutzen als nicht belegt: In dieser Subgruppe sind sensitive und resistente Subtypen zusammengefasst. Bei vorhersehbarer Resistenz, z.B. MutationT790oderExon20 Insertionen, ist die Gabe von Afatinib nicht indiziert. Bei Patienten mit sensitiven Mutationen oder Duplikationen ist der Einsatz sinnvoll.

Wörmann findet, dass im AIS der Arzt bei den verschiedenen Therapiestufen der unterschiedlichen Patienten abgeholt werden muss. Das würde seiner Ansicht nach am besten mit einem Therapiebaum abgebildet werden - doch (s. Bild) könnte dieser unter Umständen ziemlich verzweigt sein.

Michael Hennrich, der Obmann der CDU/CSU im Gesundheitsausschuss des Bundestags, ist es wichtig, dass zentral getroffene Vorgaben auch rasch und zuverlässig in der Versorgungspraxis ankämen. Derzeit, so meint er, stünden Aspekte wie die Wirtschaftlichkeit des Arzneimitteleinsatzes zu stark im Vordergrund. Ziel der Politik sei es nicht, ein neues Instrument zur Verordnungssteuerung zu etablieren, sondern nur, bereits existierende Datenquellen und Regelungen in einer zuverlässigen Informationsplattform abzubilden.

Dr. Markus Frick vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) stellt klar, dass im Arztinformationssystem der Fokus nicht allein auf den AMNOG-Bewertungen pharmazeutischer Produkte liegen dürfe. Unmissverständlich, vollständig und widerspruchsfrei – so sollen nach seiner Meinung die Informationen des AIS bei den behandelnden Ärzten ankommen. Und auch er findet - wie Müller - dass besser hervorgehoben werden muss, dass das AMNOG-Urteil “Zusatznutzen nicht belegt” keineswegs gleichbedeutend mit “kein Zusatznutzen vorhanden” ist.

Allen Beteiligten schwant es, dass der Prozess der Etablierung eines AIS langwierig werden wird. Doch Müller gibt sich  zuversichtlich und hofft, dass es sich ähnlich wie beim AMNOG und der frühen Nutzerbewertung verhalten wird. Nämlich mit einer Lernkurve und immer besser werdenden Prozessen. Ganz zu schweigen von den bereits möglichen technischen Umsetzungen - da schwebt einem Vertreter eines AIS-Anbieters vor, dass in Zukunft die Informationen und Anmerkungen durch Ärzte in Echtzeit eingetragen werden können.


Hintergrund:
Bei der Erstellung des AIS sollen alle am Pharmadialog des Jahres 2016 beteiligten Parteien beteiligt sein. Zu seinem Informationspool sollen am Ende allen Beteiligten am Gesundheitsprozess Zugang haben – nicht nur die Ärzte, Apotheker und sonstige Fachleute, sondern auch die Patienten.
Mit der inhaltlichen und technischen Erstellung des AIS hat das BMG bereits den G-BA beauftragt. Dieser soll dafür sorgen, dass das Informationssystem bis Ende 2017 allen Beteiligten in einer Startversion zur Verfügung steht. Die Moderation der entsprechenden Rechtsverordnung will das Ministerium selbst übernehmen.

Zu dem Thema gibt es ein Interview in der April Ausgabe des PM-Reports, mit Dr. Marco Penske, Leiter Gesundheitspolitik und Marktzugang Boehringer Ingelheim Deutschland.

 

Grafik: Wörmann/onkopedia.de PM-eReport 6/2017


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