Arzneiverordnungs-Report belegt Einsparungen und weiter steigende Arzneimittelausgaben

Foto: Springer Verlag Der aktuelle Arzneiverordnungs-Report belegt Einsparungen bei Arzneimittelkosten bei gleichzeitigem Anstieg der Arzneimittelausgaben. Der Report findet als Hauptkostentreiber neue hochpreisige patentgeschützte Arzneimittel. Die Herausgeber haben 10 Jahre AMNOG und weitere Marktregulierungsinstrumente analysiert.

Es ist wie jedes Jahr: Der neue Arzneiverordnungs-Report liegt vor. Und wie jedes Jahr konstatieren die Herausgeber Ulrich Schwabe und Wolf-Dieter Ludwig, dass die Arzneimittelausgaben steigen und dass dafür die hochpreisigen patentgeschützten Medikamente verantwortlich sind. Allerdings berichtet der Report auch über jährliche Einsparungen von 16,8 Mrd. Euro bei Arzneimittelkosten durch gesetzliche Maßnahmen. Dennoch seien die Arzneimittelausgaben 2019 auf um 5,4% auf 43,4 Mrd. Euro angestiegen.

Der Trend zu hochpreisigen Medikamenten sei am stärksten ausgeprägt bei den Onkologika zur Behandlung von Krebskrankheiten (8,2 Mrd. Euro, +13,7% im Vergleich zum Vorjahr). Überdurchschnittliche Zunahmen zeigen auch Immunsuppressiva (5,6 Mrd. Euro, +7,5%), Antithrombotika (2,6 Mrd. Euro, +10,0%) und Dermatika (1,9 Mrd. Euro, +13,5%). Ein Hauptgrund für die Kostenprobleme sei ein sechsfacher Anstieg der durchschnittlichen Jahrestherapiekosten neu eingeführter Patentarzneimittel von 34.253 Euro auf 217.312 Euro in den letzten zehn Jahren.

Die hohen Arzneimittelpreise stünden in keiner erkennbaren Relation zum erzielten therapeutischen Fortschritt, lautet das Urteil der Report-Herausgeber. Nach zehn Jahren Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) zeige eine Analyse der frühen Nutzenbewertung, dass nur in 45% der Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ein belegter Zusatznutzen konstatiert wurde. Eine besondere Herausforderung für die Nutzenbewertung seien hochpreisige Arzneimittel für die Gentherapie und andere neuartige Therapien. Mehrere gesetzliche Regelungen hätten die massive Kostendynamik nicht abbremsen können, obwohl bei den Arzneimittelausgaben 2019 hohe Einsparungen durch Festbeträge (8,2 Mrd. Euro), Rabattverträge (5,0 Mrd. Euro) und das AMNOG (3,6 Mrd. Euro) erzielt wurden.

Nach den Analysen der Herausgeber hat der kontinuierliche Ausgabenboom vielfältige Ursachen. Neben der Einführung hochpreisiger Patentarzneimittel hapert es an effektiven Marktregulierungsinstrumenten nach Ablauf des Patentschutzes. Noch immer seien patentfreie Biologika (Biosimilars) in anderen europäischen Ländern wesentlich billiger als in Deutschland. Als markantes Beispiel führt der Report die Jahreskosten des teuersten Wirkstoffs Adalimumab auf. Auch zwei Jahre nach dem Patentablauf habe das frühere Originalpräparat (Humira) immer noch einen Marktanteil von 70%. Die Jahreskosten würden weiterhin 1,0 Mrd. Euro betragen, während mit Biosimilars aus anderen europäischen Ländern 457 Mio. Euro eingespart werden könnten.

Noch grotesker sei die Situation bei patentfreien Nichtbiologika aus der Gruppe der Krebsmedikamente. Bei den Patentabläufen des Jahres 2019 sind Parallelimporte von einigen Originalpräparaten deutlich billiger als die ersten deutschen Generika, während mit Generika aus anderen europäischen Ländern bereits Einsparungen von über 40% erzielt werden können.

Eine weitere Ursache finden die Autor in der schleppenden Umsetzung des deutschen Festbetragssystems. Bei dem Biologikum Infliximab habe es nach dem Patentablauf etwa 3 Jahre gedauert, bis eine Festbetragsgruppe durch den G-BA und den GKV-Spitzenverband etabliert werden konnte. Bei dem Krebsmittel Imatinib gibt es seit 2017 preisgünstige Generika, aber immer noch keinen Festbetrag, obwohl die Generika zu Imatinib nur noch 5% des Originalpräparats kosten würden. Eine Forderung der Herausgeber ist daher bei Biosimilars die Vereinbarung von Erstattungsbeträgen durch den GKV-SV wie bei patentgeschützten Arzneimitteln mit Angaben zur Höhe des tatsächlichen Preises in anderen europäischen Ländern. Auch bei der Berechnung von Festbeträgen sollten die Packungspreise in anderen europäischen Ländern berücksichtigt werden.

 
Quelle: Ulrich Schwabe, Wolf-Dieter Ludwig (Hrsg.), Arzneiverordnungs-Report 2020, 2020. 962 S. 80 Abb., Softcover Euro 69,99 (D) | Euro 71,95 (A) | CHF 77.50, ISBN 978-3-662-62167-7. Sämtliche Analysen im Arzneiverordnungs-Report basieren auf den Verordnungsdaten des GKV-Arzneimittelindex, der in der Trägerschaft des AOK-Bundesverbandes vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) erstellt wird. Foto: Springer Verlag. PM 16-2020-4


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