Die Lage ist ernst. Die Herausforderung radikal. Die Stimmung gereizt.

Coronakrise: Was können, was wollen wir daraus lernen?

„Die Lage ist ernst", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer historischen Ansprache an die Nation. Das Coronavirus wirft seit Monaten seinen Schatten über uns und unseren Alltag. So sehr wir uns auch eine befreiende Änderung wünschen – der einengende, unangenehme Zustand wird noch lange anhalten, ein Ende ist noch nicht in Sicht. Das schürt Ängste und Sorgen, das polarisiert, das fördert populistische Vereinfachung. Für viele Menschen, Agenturen und Betriebe ist Corona zwischenzeitlich existenzgefährdend. Es wächst die Sehnsucht nach Antworten auf die Pandemie, es wächst die Sehnsucht nach Menschen und Marken, die diese Sehnsucht nach Antworten befriedigen können.
Die Pandemie hat vieles durcheinander gewirbelt. Stillstand erzeugt, Eigeninitiative blockiert, Vertrauen zerstört. Geschäfte wurden per Anordnung geschlossen, unternehmerische Freiheiten im Keim erstickt, unverzichtbare Spielregeln der Demokratie außer Kraft gesetzt. Die Krise hat aber auch ungeahnte Veränderungskräfte freigesetzt, Veränderungen ermöglicht, die seit Jahren mit aller Macht blockiert wurden: mobile Arbeit, Vertrauensarbeitszeit, Digitalisierung des Unterrichts.

Bleibt die Frage: Wie lässt sich dieser „Geist der Veränderung" lebendig halten und möglichst noch befeuern?
Corona hat uns zu einer persönlichen wie unternehmerischen Zäsur aufgefordert, zur Überprüfung unserer bisherigen Prioritäten, zur Überprüfung des Sinns und Zwecks unseres alltäglichen und selbstverständlich gewordenen Handelns. Und dabei viele neue Fragen aufgeworfen: Welche Weichen will ich stellen, damit ich gestärkt aus der Krise hervorgehe? In welchen Bereichen wollen, müssen wir zur alten Normalität zurückkehren? Und die wichtigste Frage überhaupt: Bin ich, sind wir in der Lage so schnell zu lernen wie die Welt da draußen sich verändert?


Der Krise trotzen. Eine Frage der Haltung.
Der Krise zum Trotz: Es wird auch eine Zeit nach Corona geben. Die Zukunft ist nicht abgesagt. Dabei geht es nicht darum, irgendwelche Schwierigkeiten auszublenden. Es geht um unsere Haltung, unser Selbstverständnis mit der wir Krisen begegnen und mit der wir zukünftige Krisen bewältigen wollen. Nehmen wir die durch Krisen verursachten Schwierigkeiten als Entschuldigung für Passivität, Unentschlossenheit und Handlungsunfähigkeit? Oder nehmen wir sie als Ansporn, Krisen-Symptome frühzeitiger erkennen zu wollen, notwendige Entscheidungen belastbarer und nachvollziehbarer zu treffen und schneller als in früheren Krisen ins Handeln zu kommen?⁠


⁠Die Coronakrise ist radikaler. Radikaler als wir wahrhaben wollen.
Es lohnt sich, gerade jetzt für die Agentur, für die Marke nach neuen Antworten zu suchen – für eine Welt nach der Coronakrise. Das bedeutet, radikal zu hinterfragen und sich von alten und liebgewordenen Überzeugungen zu trennen und unsere „blinden Flecken, Glaubenssätze, Denkschablonen und Tabus" erkennen zu wollen. Die Coronakrise lädt uns zu einer unternehmerischen und persönlichen Zäsur ein. Nichts wird wie früher sein – wir würden sonst auch eine gigantische Chance verpassen. Gerade weil so viele Sicherheiten abhanden gekommen sind, sollte auch unser Mut wachsen, unsere Bereitschaft und Fähigkeit Unplanbares aktiv gestalten zu wollen. ⁠


Vertrauensarbeitszeit – „Das funktioniert in der Praxis nicht"; mobiles Arbeiten – „das geht nicht" – wie oft haben wir diese Sätze gehört – und es funktioniert doch. Jetzt, während der Krise. Jetzt, weil es keine Alternative dazu gibt. Warum? Weil die Bremser ausgebremst, die Komfortzonenbewohner aus ihrer Komfortzone heraus katapultiert wurden. Die Coronakrise hat uns gelehrt „radikaler Wandel ist möglich", radikaler Wandel erlaubt uns Neuland zu betreten, radikaler Wandel gestattet uns offensiv und angriffslustig zu spielen.



Niemand ist vor Krisen geschützt. Im Ernstfall gibt es keine Blaupausen.
Corona hat uns gelehrt: es trifft jeden. Leere Stadien, geschlossene Geschäfte, ausverkauftes Toilettenpapier. Das kann doch nicht sein, nicht in unserer Überfluss- und Vollkasko-Gesellschaft.
Banken können Stresstests durchführen, Unternehmen können Notfallpläne aufstellen, aber am Ende wird es immer ein Risiko geben, welches jeden von uns jederzeit treffen kann. Das mögliche Learning: Es geht nicht darum, nun mit Angst durch die Welt zu laufen, sondern sich dieser Verwundbarkeit bewusst zu werden. Erst wer das versteht, wird in guten Zeiten die Vorkehrungen treffen können, die ihm und dem Unternehmen in der Krise helfen können. Was es dafür braucht: Demut und Weitsicht. Keine Boom-Phase geht ewig. Keine Krise überdauert die Ewigkeit.


Menschen brauchen Halt. Menschen suchen Vertrauensanker.
Gerhard Schröder hat es in Anlehnung an einen Song von Billy Ocean wie folgt formuliert: „Wenn die Zeiten hart werden, kommen die harten Jungs erst so richtig in Schwung." Diese Beobachtung ist wahr: Immer dann, wenn Unsicherheit aufkommt, braucht es jemanden, der Sicherheit ausstrahlt. Politiker, Experten, Chefs – selbst Marken können Halt geben, indem Sie Haltung zeigen. Wer keine Haltung zeigt, wird bestraft: So erlebte es Adidas nach den angekündigten Mietaussetzungen, Douglas bei der Ankündigung Parfümerien zu Drogerien zu erklären. Haltung und Wertschätzung kann man nicht kaufen. Haltung und Wertschätzung sind unverzichtbare Vertrauensanker - insbesondere wenn der Wind etwas schärfer pfeift, die See rauer wird und die Wellen toben.


Krisen sind Gradmesser und Nährboden für Glaubwürdigkeit.
Es gilt für Krisen offen zu sein. Auch wenn Sie sich entscheiden, einfach wie gewohnt weiterzumachen, sollten Sie die Veränderungen in der Krise anerkennen und nach außen tragen. Die Wahrnehmung von Mitarbeitern oder Kunden lässt sich nicht abschalten, nicht im Alltag und nicht im Ernstfall. Gerade im Ernstfall können Unternehmen zeigen, in welchem Maß ihre kommunizierte Haltung mehr ist als nur ein Marketing-Versprechen. Dazu gehört eben auch, Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, Geschäftspartner fair zu behandeln und Verantwortung zu übernehmen. Die Grundsätze der Krisenkommunikation sind deshalb auch als Grundsätze der Alltagskommunikation wichtig und richtig. In der Krise jedoch werden ihr Wert und ihre Wichtigkeit noch einmal deutlicher.        W.P.

PM 1-2021-5


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