Perspektive: Der Ifo-Geschäftsklima-Index steigt, die deutsche Wirtschaft schüttelt die Corona-Krise ab! Wer kümmert sich um die Aufarbeitung der letzten 15 Monate?

Das Ende der Krise naht: Die Wirtschaft nimmt an Fahrt auf, die Menschen kaufen wieder ein, lassen sich von ihrem Lieblinkskellner wieder bedienen. Alles, was kann, setzt sich in Bewegung, packt die Koffer, fährt in den Urlaub und holt nun schnell nach, was monatelang unmöglich war. Flucht? Vor was? Rennen wir weg, um zu vergessen?

Halt: Die wichtigste Arbeit steht uns noch bevor. Die Aufbereitung dessen was geschehen ist. Die Entschlüsselung der Learnings aus der Krise. Jetzt ist die Stunde der Zukunft - jetzt gilt es mit allen Betroffenen Modelle zu entwickeln, wie wir nicht nur sicherer nach vorne schauen können, sondern auch sicherer nach vorne kommen! Beginnen wir jetzt damit, denn morgen werden wir die Erfahrungen aus der Corona-Krise verdrängt oder vergessen haben.

Corona – was zeigte sich in der Krise
1. Die Corona-Krise hat gezeigt, wie schnell der Einzelne auf die Gemeinschaft angewiesen ist und gleichzeitig wie sehr die Gemeinschaft vom Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen abhängt. Selbstverantwortung und Solidarität müssen Hand in Hand gehen, ist die Balance gestört erodiert die Gemeinschaft.
2. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass in langfristigen Szenarien selbst unvorstellbare und als unmöglich angesehene Veränderungen berücksichtigt werden sollten, im worst-case muss Raum für Radikalität sein. Ausblenden, was als unwahrscheinlich eingeordnet wird, ist so sinnvoll wie einem Blinden zuzuwinken, einem Tauben zuzurufen.
3. Die Corona-Krise hat offenbart, wie es um die Widerstandsfähigkeit, die Substanz eines Unternehmens steht, sie hat die vorhandene bzw. nicht vorhandene Resilienz der Unternehmer und Führungskräfte gnadenlos aufgezeigt. Wetterfest auch für stürmische Zeiten sollte jedes Geschäftsmodell sein. Jede Führungskraft sollte auf Sicht fahren können ohne langfristige Perspektiven aus den Augen zu verlieren. Was gefordert war wurde in der aktuellen Krise allzu häufig schmerzlich vermisst.

Post-Corona – was lernen wir aus der Corona-Krise
a. Jetzt gilt: „einfacher, schneller, kundenorientierter". Wir lieben Stabilität, wir produzieren dafür jede Menge Komplexität. Aber Stabilität und Komplexität machen langsam und schwerfällig. Sie machen unmöglich, was zwingend notwendig ist: Dynamik! Surfen auf der Welle der natürlichen Bewegungen, sicher surfen – auch wenn die Wellen einmal höherschlagen.
b. Jetzt gilt: „radikaler denken". Wir haben gelernt unser Handeln an lineare Entwicklungen auszurichten, wir haben eine große Erfahrung zur erfolgreichen Nutzung eines kontinuierlichen Wachstums. Doch wir leben in einer bewegenden Zeit, einer Zeit der überraschenden disruptiven Veränderungen. „Don´t change the winning Team"? Nein! Change it! Jetzt! Wir sind aufgefordert die Erfolgsformeln von gestern über Bord zu werfen, aufgefordert zum (ent)lernen.
c. Jetzt gilt: „reflektieren, (nach)sinnen". In der Stunde der Not, gilt das Gebot des Handelns! Nicht lange überlegen, machen! Jetzt aber heißt es zurückblicken, aufarbeiten, (nach)sinnen. Der Erfahrung einen Wert geben, einen Sinn. Was ist geschehen, was können wir daraus lernen, welche Schlüsse ziehen wir daraus? Nicht einfach weiter so wie vor der Krise, nicht einfach weiter so wie in der Krise. Jetzt gilt es sich neu zu orientieren, neu auszurichten, Stärke aus der Krise zu ziehen.

Nicht nur unser Staat ist eine Konstruktion aus „Kaisers Zeiten", auch viele Unternehmen sind zu groß, zu kostenintensiv, zu arrogant, zu ineffektiv. Nutzen wir die Erfahrung der Corona-Krise für ein grundlegendes radikales Update. Schneiden wir „Alte Zöpfe", werfen wir Liebgewordenes über Board, entstauben wir Verstaubtes entstauben, entrümpeln wir Veraltetes.
Nicht nur unser Staat hat unter dem Zwang zur Digitalisierung geächzt und gestöhnt, auch in vielen Unternehmen erwies sich die technologische Infrastruktur als untauglich und unzeitgemäß. Doch Technik kann schnell gekauft werden, digitale Kompetenzen wachsen dagegen nur langsam. Digitale Infrastruktur kann schnell aufgebaut werden, ein digitales Mindset braucht Zeit.

Kommen wir zurück zur Eingangsfrage: „Wer kümmert sich um die systematische Aufarbeitung der letzten 15 Monate?" Ist diese Schlüssel-Frage unverrückbar auf unserer Tagesordnung verankert? Genießen wir die zurückgewonnene Freiheit, die Freiheit zu tun was uns gefällt. Widerstehen wir der Versuchung möglichst schnell zu verdrängen und zu vergessen, worunter wir in den letzten Monaten gelitten haben. „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun", lehrte uns Molière. In seinem Werk „Der eingebildete Kranke" geht es um den Hypochonder Argan, der sich ständig einbildet, krank zu sein und seine behandelnden Ärzte, die ihn in seiner Sichtweise bestärkten, um daraus Profit zu schlagen - sicherlich eine bereichernde zeitgemäße Lektüre für den anstehenden Urlaub.

Autor: W.P.; PM 11-2021-4


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