Zukunftsfähige Gesundheitsversorgung in Deutschland

Foto: National Cancer Institute on unsplash Der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung will ein digital unterstütztes Gesundheitswesen schaffen, das die technologischen Möglichkeiten zum Wohle aller Patienten/innen nutzt. Es zeichne sich durch Ärzte/innen aus, die Algorithmen und neue Technologien als hilfreiche Ergänzung unterstützend in Diagnostik und Therapie einsetzen. Dazu hat der Verband 19 Anforderungen formuliert.

1. Hybride Modelle in die Regelversorgung integrieren
Mit Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) und künftig mit Digitalen Pflegeanwendungen (DiPA) werden digitale Produkte nun direkt in die Regelversorgung integriert. Doch nicht nur rein digitale Modelle können die Versorgung effektiv unterstützen – auch hybride Ansätze, in denen digitale Methoden und menschliche Intervention kombiniert
werden, bergen große Potenziale und einen Nutzen in der Versorgung...
2. Digitale Kompetenzen stärken und verankern
Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung, in der digitale Anwendungen und Behandlungsmethoden selbstverständlich genutzt werden, fordert von allen im Gesundheitswesen Tätigen eine hohe Digitalkompetenz. ..Digitalisierung muss integraler Bestandteil der medizinischen und pflegerischen Ausbildung werden. Ebenso müssen Kostenträger sowie deren ausführende Organe, z. B. der Medizinische Dienst der Krankenkassen, die Besonderheiten digitaler Technologien kennen und kontinuierlich in ihrer Arbeit berücksichtigen (z.B. in Bewertungsprozessen).
3. Europaweite Standardisierung der Zugangsvoraussetzungen
Der Markt für Medizinprodukte ist zurecht stark reguliert und der Zugang dazu unterliegt strengen Regularien...Diese Regularien werden zurzeit teilweise national eigenständig erweitert, sollten jedoch für alle europäischen Länder gleichermaßen bindend sein...
4. Interoperabilität: Europäische Standards einführen
Eine digitalisierte und integrierte Versorgung erfordert es, dass die einzelnen technischen Anwendungen miteinander kompatibel und interoperabel sind...Um diese Interoperabilität flächendeckend zu ermöglichen, bedarf es europaweit einheitlicher Standards für Schnittstellen...
5. Datenhoheit von Nutzern/innen sicherstellen
Digital unterstützte Versorgungsmodelle generieren vielfach Daten über Behandlungen oder Diagnosen. Die Hoheit und die Entscheidung über die eigenen Gesundheitsdaten sollten stets in der Hand der Nutzern/innen liegen...
6. Transparenz bei Vorgaben zu Datenschutz und Datensicherheit
Der Schutz und die Sicherheit erhobener und verarbeiteter Daten sind Kernelemente digitaler Gesundheitslösungen, weshalb sich die Hersteller zur Einhaltung höchster Datenschutz- und Datensicherheitsanforderungen verpflichten. Damit diese Standards der Beschaffenheit digitaler Produkte gerecht werden, sollten die Vorgaben für Datensicherheit sowie Datenschutz stets im Dialog zwischen Herstellern und den entscheidenden Stellen,...,festgelegt werden.
7. Verfahren für Ethikanträge entbürokratisieren
Die bundesweite Durchführung wissenschaftlicher Studien wird aktuell durch unterschiedliche Anforderungen an die Ethikanträge je Bundesland erschwert und eine effiziente Umsetzung somit verhindert. Es braucht daher eine agile Lösung, um Ethikanträge für digitale Gesundheitslösungen (z. B. bei einer Beteiligung mehrerer Bundesländer) in einem bundesweit einheitlichen Verfahren stellen zu können.
8. Anonymisierte Forschungsdaten zugänglich machen
Die Vielzahl an Daten, die sich aus der Nutzung digitaler Anwendungen ergeben, sind für die Neu- oder Weiterentwicklung digitaler Therapeutika oder Systeme zentral: Sie tragen dazu bei, neue Produkte noch patientenzentrierter und bedarfsorientierter zu entwickeln...Um diese Daten künftig für weitere Forschungszwecke nutzen zu können, ist neben den politischen Rahmenbedingungen ein praktikabler Weg zu entwickeln, auf dem Patienten/innen ihre Daten anonymisiert der Forschung zur Verfügung stellen zu können.
9. Teilnahme an Ausschreibungen für junge Unternehmen vereinfachen
...Bisher jedoch lassen sich digitale Innovationen nur schwerlich in bestehende Strukturen integrieren – die Prozesse sind oft zu langwierig und ressourcenintensiv. Junge Unternehmen und Start-ups müssen daher bei öffentlichen Ausschreibungen und Vergaben künftig stärker berücksichtigt werden...
10. Entwicklung digitaler Prozesse rund um DiGA fördern
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) stellen eine gänzlich neue Produktkategorie in der Regelversorgung dar...Statt neu geschaffene Strukturen vorzeitig infrage zu stellen, müssen jetzt volldigitale Prozesse wie die DiGA-Verordnung per eRezept oder die Anbindung an die elektronische Patientenakte (ePA), gezielt gefördert werden...
11. Digitale Innovationen für alle Menschen zugänglich machen
Digitale Gesundheitsanwendungen ermöglichen eine gänzlich neue Form der Gesundheitsversorgung. Bisher ist diese Form nur für Versicherte gesetzlicher Krankenkassen zugänglich...
12. Zeitnahe Fertigstellung der DiPA-Verordnung
Digitale Pflegeanwendungen (DiPA) können eine deutliche Unterstützung im Alltag Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen leisten. Dafür müssen DiPA nun zeitnah in der pflegerischen Praxis ankommen. Noch fehlt jedoch die Definition der Anforderungen an DiPA in Form der entsprechenden Verordnung...
13. DiPA auch für stationäre Pflege zugänglich machen
...Vorerst werden DiPA nur für die ambulante Pflege zugelassen. Es ist erforderlich, dass diese neuen digitalen Anwendungen gleichermaßen für Patienten/innen in der stationären Pflege zugänglich gemacht werden.
14. Zügige Antragsprozesse für DiPA ermöglichen
...Für DiPA ist demnach ein zügiger Antragsprozess entscheidend. Dieser muss einfach und digital durchführbar sein und eine zeitnahe Entscheidung gewährleisten...
15. Evidenzkriterien an Gegebenheiten in Pflege ausrichten
...Gerade für innovative Interventionsansätze, die auf neuartige Art und Weise in diesen vielschichtigen Prozess eingreifen, existieren nur begrenzt bereits validierte Messinstrumente, die auf die spezifische Versorgungssituation zugeschnitten sind. Diese komplexen Rahmenbedingungen sind bei der Definition DiPA-spezifischer Evidenzkriterien
unbedingt zu berücksichtigen und Parameter festzulegen, die Qualität und Versorgungsrealität gleichermaßen abbilden.
16. Nutzen der Telemedizin für alle zugänglich machen
Telemedizinische Versorgungslösungen können zahlreiche ambulante Interaktionen durch digitale Prozesse einfacher und umfassender gestalten, als es in der derzeitigen Versorgungsstruktur möglich ist. Sie können sowohl in der Primärversorgung als auch in der Vorbeugung von Notfällen eine Entlastung für Ärzte/innen und Kliniken darstellen. ...Um die Potenziale der Telemedizin für Ärzte/innen und Patienten/innen besser nutzbar zu machen, bedarf es jetzt des entsprechenden regulatorischen Rahmens: Telemedizinische Leistungen müssen als fester und gleichwertiger Bestandteil breiter in der Versorgung verankert werden.
17. Telemedizinische Organisationen als Leistungserbringer zulassen
Um künftigen Herausforderungen, wie einem Mangel an Ärzte/innen und einem steigenden Versorgungsbedarf in einer alternden Gesellschaft gerecht zu werden, sollten professionelle, telemedizinische Strukturen eingeführt werden. Hierzu bedarf es eines Rahmens, in dem telemedizinische Organisationen qualitätsgesicherte Versorgungsleistungen erbringen können....
18. Begrenzungen telemedizinischer Tätigkeiten aufheben
Noch immer wird der Einsatz telemedizinischer Leistungen durch verschiedene regulatorische Grenzen eingeschränkt. Nur eine Aufhebung dieser Beschränkungen kann Telemedizin flächendeckend für Ärzte/innen und Patienten/innen nutzbar machen und eine regelmäßige Unterstützung der Versorgung darstellen...
19. Weitere Ausübungsorte für telemedizinische Leistungen zulassen
...Ärzten/innen ist daher die Möglichkeit einzuräumen, weitere Orte für die Ausübung telemedizinischer Leistungen auszuwählen (unter Einhaltung der rechtlichen Vorgaben des Bundesmantelvertrages für Ärzte) – beispielsweise das häusliche Arbeitszimmer.

Foto: National Cancer Institute on unsplash; PM 13-2021-4


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